Nervensägen im Kinderzimmer

Diese Bezeichnung habe ich in einem Artikel bei Brigitte Mom gelesen. In diesem Artikel geht es um Figuren aus Büchern und Filmen für Kinder, die einige Eltern wahnsinnig machen würden…und deswegen rechneten die Eltern mit ihnen ab…

Der Artikel beginnt mit den Worten: „Mit den Kindern holt man sich allerhand schräge Gestalten ins Haus“ und Eltern erklären, warum ihnen die jeweilige Figur so „ordentlich auf die Nüsse“ ginge. Dabei werden sowohl die alten, als auch die neuen Kinderhelden gnadenlos…’gedisst‘ würde man wohl heute sagen…

Eine Mutter erklärt Benjamin Blümchen sei ein „dummer Dickhäuter“, sein Töröö sei „depressiv“ und mache ihr jedes Mal schlechte Laune… Eine andere Mutter verunglimpft Karlsson vom Dach. Selbst ihr Sohn habe erkannt, dass Karlsson „ein richtig asoziales, verfressenes Arschloch [ist]! Der lügt und verarscht doch immer nur alle…“. Aber auch an Tigerente, Tiger und Bär in der Geschichte ‚Oh wie schön ist Panama‚ wird kein gutes Haar gelassen. Die Dreifach-Mutter schimpft auf die „Spießergeschichte“ mit der „altbackenen Botschaft“ (‚zu Hause ist es doch am schönsten)‘. Sie echauffiert sich darüber, dass ein „geistig offensichtlich eingeschränkter Tiger mit dämlicher Tigerente und sein Freund, der Klugscheißer-Bär, im Kreis laufen, weil sie zu doof sind, sich den Weg zu merken (…)“
Eine weitere Mutter bezeichnet die Liebesbekundungen im Buch ‚Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?‘ als einfältig.
Auch die Augsburger Puppenkiste – in Person das Urmel – bekommt ihr Fett weg. Zuallererst erinnere das Urmel an „fette Männer […], die sich zu Fasching mit Riesenwindel und Riesenschnuller als Baby verkleiden“. Auch die „extra-alberne Namen (Professor Habakuk Tibatong, Titiwu, Wawa, Ping)“ sind bei der Zweifach-Mutter alles andere als beliebt, aber schier unerträglich findet sie, dass „alle […] einen Sprachfehler“ haben.
Dagegen kommen die Schlümpfe glimpflich davon. Bemängelt werden lediglich ihre „quäkigen Stimmen“.
Auch ein Quoten-Vater meldet sich zu Wort und schimpft auf die Biene Maja…die neue, computeranimierte wohlgemerkt. Er empfindet Biene Maja als schlechtes Vorbild für Mädchen, da diese jetzt „dünner und mädchenhafter ist“ als die von früher. Dazu sei sie als Rollenvorbild „zersetzender, böser und unfroher“ als früher. Letztlich erklärt der Vater: „Die neue Biene Maja ist hässlicher und dümmer als die alte, und ihre Existenz bringt Kindern bei, dass die Dinge nicht immer besser, sondern immer schlechter werden“…
Zu guter Letzt beschwert sich eine Mutter darüber, dass ihre beiden Söhne nicht das gleiche mögen wie sie (nämlich Roald Dahls Kinderbücher..
Z. B. Charlie und die Schokoladenfabrik). Ihre Kinder lieben aber den Kleinen Drachen Kokosnuss. Dieser mutiert deswegen für die Mutter zum absoluten Feindbild und sie lästert: „Der rote Drache mit seinem viel zu kleinen Käppi erlebt mit seiner Freundin Matilda, einem Stachelschwein, erwartbarste Abenteuer“… und da regelmäßig neue Abenteuer erscheinen, „bleibt also kaum eine Chance, den Kindern mal was wirklich Lustiges vorzulesen“.

Im Forum von MamiKreis*l bin ich vor längerer Zeit auf ähnliche Postings gestoßen… Hier geht es um „Fragwürdige Kinderbücher“. Ziemlich als erstes wird Frederick (L. Leonni) genannt und später sogar als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet…was aber nichts gegen die Bezeichnung „nervige Kackbratze“ ist, mit der Conni beschrieben wird.
Auch ein Weihnachts-Pixi bekommt sein Fett weg. Eine Userin schreibt über Loretta-Lametta: „Und allein nicht genug, das die Geschichte bescheuert ist, das sind mal echt schrecklich gemalte Bilder, die Maus sieht aus wie ne Katze, der Feuerwehrmann könnt auch Alkoholiker sein und Loretta-Lametta ist geschmückt wie ne billige Prostituierte“.

Auch wenn sich die Meinungen der Eltern amüsant lesen, frage ich mich, warum es diese Ablehnung gegen diese – bei Kindern – beliebten Figuren gibt. Gut, sie mögen für uns Erwachsene manchmal altklug oder die Handlung unsinnig erscheinen, aber wir sind ja nun auch keine Kinder… Mir stellt sich daher die Frage, welche Funktion die Figuren erfüllen.
Eine Antwort habe ich bei Ratgeber Kinderbuch gefunden. Zwar geht es hier in erster Linie um Bücher, aber das eine oder andere lässt sich auf die Figuren übertragen.
Auch unsinnige Dialoge und naseweise Sprüche sind wichtig für die „Sprach- und Sprechförderung“. Darüber hinaus erweitern die Geschichten die die Figuren erleben „den Erlebenshorizont des Kindes. Es lernt andere Menschen, Lebensumstände und Lebenswirklichkeiten kennen“. Auch haben Figuren eine Vorbildfunktion. Durch sie sollen dem „Kind Vorbilder zur Bewältigung der eigenen Lebenssituation“ gegeben werden. Wenn die kleine Conni (Sie erinnern sich, die ‚Kackbratze’…) beim Arzt geimpft wird und das ‚gar nicht weh getan hat‘, dann ist das doch ein positives Vorbild für das eigene Kind… Oder sehe ich das jetzt komplett verkehrt?

Auch ein Autor bei Nido schrieb im Jahr 2012 über das Thema bei Eltern verhasste Kinderfiguren. Der Artikel nennt sich „Bibliothek des Grauens„. Hier wird in etwas weniger hetzerischem Ton auch über den Sinn und Unsinn verschiedener Figuren geschrieben. Allerdings scheint der Autor etwas toleranter und reflektierter als die oben aufgeführten Eltern. Letztendlich fragt er in seinem Artikel: „Darf ich den Kindern meinen Geschmack diktieren? Haben sie nicht ein Recht auf ihre nervigen Bücher?“…diese Fragen finde ich berechtigt! Warum können wir Erwachsenen den Kindern nicht einfach ihre Figuren lassen? So lange es nicht vollkommen sinnentleert oder stumpfsinnig ist (ich denke da beispielsweise an Spongebob…) ist das m. E. doch kein Problem.
Außerdem sollten Erwachsene in der Lage sein, sich selber einfach mal zurück zu nehmen. Denn die gemeinsame Beschäftigung mit den Geschichten der Figuren „vermittelt Kindern das Gefühl von Zuwendung und Geborgenheit“, so der Ratgeber Kinderbuch. Meiner Meinung nach hat er damit nicht so ganz Unrecht!

Ich freue mich schon darauf, wenn das HanseBaby alt genug für die ganzen Figuren ist und hoffe, dass ich auch dann noch tolerant demgegenüber bin! 😀

HanseMama

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2 Gedanken zu “Nervensägen im Kinderzimmer

  1. Einmal habe ich mit meiner Nachbarstochter Connie gehört und das furchtbare Gör ganz oben auf die Liste von Büchern gesetzt, die ich meinen Mädchen niemals kaufen werde. Ich hoffe, ich komm drum herum. Tolerant bin ich da überhaupt nicht, es gibt doch so viel schönes zu lesen 🙂

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